Transition Austria

Machbare Schritte und profunde Innovationen für eine zukunftsfähige Lebensweise

Rundschreiben an die Mitglieder von Transition Austria vom 11.10.2010

Liebe Leute, unsere Online-Community hält schon bei 146 Mitgliedern und 14 Gruppen! Sie ist nicht nur der primäre Anlaufpunkt für all diejenigen in Österreich die sich für die Transition - Bewegung interessieren: sie ist jetzt auch dabei sich in die internationale Transition - Bewegung zu integrieren. Anlass ist nicht zuletzt auch die deutsche Transition - Konferenz am 19./20. November in Hannover, http://transitionaustria.ning.com/events/1te-primaer-deutschsprachige, zu der Transition-Initiativen aus den gesamten deutschsprachigen Raum geladen sind. Gleichzeitig findet ja in Schottland die erste internationale Transition - Konferenz statt, die den sehr sprechenden Titel "Diverse Routes to Belonging" trägt.


"Bringing together people from communities across the world, who are working in very different ways to create or protect sustainable, local and fair ways of living."


Und eine Woche später, am 26. November, wollen wir in Wien am Vorabend des Transition Training Wochenendes ebenfalls ein Meeting veranstalten, eben ein Zusammentreffen für alle Mitglieder von Transition Austria und denen die sich dafür interessieren.


Die TT-Leute wollen sogenannte "National Transition Hubs" aufbauen.


Aus diesem Anlass haben sich einige Leute vor ein paar Wochen getroffen (Michael Hohenwarter, Franz Nahrada, Daniel Olev, Joschi Sedlak, Franz Skala) um unser Selbstverständnis zu formulieren und diesen Prozess voranzutreiben.


Michael Hohenwarter hat in der "Aufbaugruppe" das MOU zu den nationalen Hubs gepostet, ich bitte vor allem all diejenigen die sich aktiv an Transition- Aufbauarbeit beteiligen wollen sich an dieser Gruppe und Debatte zu beteiligen - das MOU ist ja Grundlage von Dialog und Verhandlung.


http://transitionaustria.ning.com/group/Aufbaugruppe/forum/topics/m...


ich möchte einige grundsätzliche Gedanken dazu einbringen.


1. Warum Transition? Weil Veränderung Gemeinschaft braucht !


Unser Ausgangspunkt Anfang 2009 war, dass es bei Transition weniger darum gehen sollte ein "Modell" in "Lizenz" zu übernehmen, sondern die kreativen Potentiale verschiedener Menschen, Bewegungen und Kulturen zu einem gemeinsamen Ideenpool zusammenzuführen, der uns den notwendigen Ausweg aus unserer krisenhaften und kostspieligen, ineffektiven und zum Untergang verurteilten Wirtschafts- und Lebensweise ermöglicht.


Es ist kein Zufall dass sich die Transition Bewegung ungefähr zur selben Zeit herausbildet wie die internationale Commons - Bewegung. Beiden ist gemeinsam, dass sie die Dichotomie von "Individuellem" und "Öffentlichem" durchbrechen wollen. Genauso wie bei den Commons geht es bei Transition um die Ebene zwischen dem rein individuellen, den privaten Entscheidungen über Lebensstil, Konsum und Arbeit auf der einen Seite, und auf der anderen Seite der Sphäre des Öffentlichen, der Sphäre von Staat, Gesetzgebung und Politik. Wiewohl beides wichtig ist und seit Jahren und Jahrzehnten auch den Gegenstand von zivilgesellschaftlicher Organisationen im ökologisch-ökolonomischen Feld bildet- wie SOL, Greenpeace, Global 2000, ATTAC etc. -, hat sich dennoch die Transition Bewegung komplementär dazu entwickelt. Meiner Ansicht nach um darauf hinzuweisen dass es dazwischen ein weiteres, riesiges unbeackertes Feld gibt. Es gibt Handlungsmöglichkeiten "über" dem Ändern von Lebensstil und Konsumentscheidungen mit seinen beschränkten Entscheidungsmöglichkeiten und "unter" dem Feldf der politischen Prozesse und Strukturen abspielen, in denen notwendige Veränderungen an die Instanz Staat delegiert werden, die sich aber immer mehr gefangen in einem Netz von "Sachzwängen" und struktureller Abhängigkeit von der Wirtschaft erweist.


Das was da "dazwischen" ist ist uns aber überhaupt nur zugänglich, wenn wir etwas wiederentdecken was in unserer Gesellschaft seit Jahrzehnten verschüttet war und vielleicht auch noch nie in solcher Intensität existiert hat: kooperative und konsensuale Handlungsformen, die am besten lokal, in überschaubaren Gemeinschaften und in der konkreten Wirklichkeit unserer Lebensräume trainiert und entwickelt werden können. Gemeinsame Ressourcen, Abmachungen, Pläne sind das Herzstück von Transition. Sie werden letztlich in ihren aggegierten Wirkungen der entscheidende Faktor sein, ob wir aus einer Welt von zunehmend über das Ende der Fahnenstange schockierten und betroffenen Konkurrenzmenschen in eine Welt lebensfähiger kooperativer lokaler Ökonomien übergehen.


Dabei tritt ein völlig neuer Faktor auf: Gemeinschaften sind nicht mehr wie noch früher geschlossene Clubs, in denen ein egoistisches Partikularinteresse gepflegt wird. Gemeinschaften sind vielmehr die aktiven Träger gesellschaftlicher Verantwortung. Die Angehörigkeit zu diesen Gemeinschaften ist eine freiwillige. Sie vernetzen sich untereinander, und sie werden von anderen Gemeinschaften eben in dem Maß akzeptiert in dem jede einzelne Gemeinschaft sich um ihre Umgebung und das reale Allgemeinwohl kümmert.


2. Ist Transition eine Online Community?


Deswegen haben wir mit einer Online Community nach dem Muster von TransitionUS (Mittlerweile Global Transition in Action) begonnen, und doch ist der Zweck der Angelegenheit natürlich, die Gründung und das Aufblühen möglichst vieler lokaler Initiativen zu unterstützen. Gleichzeitig sollen eben auch viele verschiedene Hilfsmittel angeboten werden, um solche Initiativen mit Wissen und Erfahrung zu unterstützen. Der primäre Zweck von Transition ist die Weitergabe und das Teilen von Wissen und Erfahrung, der zweite ist sicher auch das Bewusstmachen der bereits vorhandenen Energie derjenigen, die ein anderes, besseres Leben in Angriff zu nehmen begonnen haben. Also ein Sichtbarwerden,


Die Online - Community leistet das sehr gut und hat darüberhinaus hat mehrere Vorteile: sie ermöglicht einen niedrigschwelligen Einstieg, sie ermöglicht das leichte Finden von Gleichgesinnten und damit eine permanente "Abstimmung mit den Füßen" über die zielführendsten Wege und Methoden. Sicherlich steht für alle Beteiligten die Wahrnehmung des Öl- und Ressourcenschocks, und der zunehmenden Irrationalität einer selbstzweckhaften Wirtschaft des Kapitalwachstums im Mittelpunkt - beide Dinge sind untrennbar miteinander verbunden, denn das Öl war das Schmiermittel das die Party ermöglicht und den den Menschen auch den Geist für ihre gemeinsamen Angelegenheiten vernebelt hat.


Aber das Rauzskommen aus dieser historisch einzigartigen Sackgasse kennt eben kein einheitliches Modell, kein klares Axiom, keinen Zwölfpunkteplan den man einfach abarbeiten könnte. Eher geht es um das rhizomatische Aufeinanderzugehen und Verwachsen verschiedenster Ideen, Innovationen, aber auch Traditionen. Transition spielt sich am Schnittpunkt von "Alt und Verdrängt" mit "Neu und Genial" ab. Diversität ist das Lebensblut. Viele "Geleitschiffe" müssen den lecken Tanker in den Hafen zurückziehen.


Ein "Hub" ist eine Institution, die diese Diversität unterstützt. Über Organisationsformen muss nachgedacht werden.


3. Ist Transition wirklich universell anwendbar?


Ein großer Teil unserer Diskussionen war der Frage gewidmet, ob die Organisationsweise von Transition Towns nicht auch sehr stark dem englischen politischen Kulturhintergrund entspringt. In der englischen Gesellschaft war der Neoliberalismus eine zeitlang und ein wenig auch auch heute noch politisch prägend. Daraus entstanden riesige Leerräume, in die neue Organisationskonzepte leichter vordringen konnten. Bei uns gibt es eine viel stärkere ökologische Rhetorik und auch mannigfache Ansätze der Organisation lokaler Zusammenarbeit von oben, wie Local Agenda, e5 - Gemeinden und so weiter.


Es ist ratsam, sich auf diese Situation zu beziehen und zu fragen welche Funktionen hierzulande die Transition - Bewegung erfüllen kann und in welchem Aktionsrahmen (z.B. Dorferneuerung) sie sich bewegt, statt ein Importmodell zu übernehmen und wirkungslos und marginalisiert zu werden.


Mir kommt eine drastische historische Analoigie in den Sinn: am Anfang des 20. Jahhunderts gab es eine englische Bewegung, die sich der "sozialen Frage" stellen wollte, und die eine Rückkehr zur Selbstversorgung in einem weitgehend ausgeblendeten industriellen Rahmen propagierte. Gemeint ist die "Gartenstadt-" Bewegung von Ebenezer Howard. Sie leistete maßgeblich Rechtfertigungsfunktion für die Ausbreitung der englischen Vorstädte, mit Reihenhäusern und kleinem Gärtchen als Standardmodell. In Österreich übernahmen Otto Wagners Schüler diesen Begriff und bauten ebenfalls eine "Gartenstadt": diesmal aber als urban verdichtete Wohnform mit vielen Gemeinschaftseinrichtungen, fast palastartig und prächtig - eben Dinge wie den Karl Seitz - Hof oder Karl Marx Hof. Ersterer wurde sogar offiziell als die "Gartenstadt" getauft, und beim Architekturkongress 1926 lieferten sich diese beiden Modelle heftige Debatten, die die ganze Welt bewegten, bis der Lärm der Stiefel sie übertönte.


Heute sind wir hoffentlich ein wenig klüger geworden und sehen unsere Ansätze nicht als alleinseligmachende Wege, sondern als Beiträge zu einem globalen Kosmos von Möglichkeiten, als Repositorium von Mustern.


Deswegen ist es auch sehr zu begrüßen dass auch Rob Hopkins begonnen hat, den Gedanken der Mustertheorie von Christopher Alexander zu popularisieren. Was wir brauchen, sind Baukästen bewährter Ideen für partizipatives Planen, ein geistiges Gemeingut, das uns erlaubt uns aus der Diktatur der "Experten" zu lösen. Transition hat hier eine gewaltige Aufgabe, ich interpretiere Transition denn auch eher als kulturelle als politische Bewegung. Dadurch, indem sie sich primär dem Reichtum der Muster zuwendet, wird sie universeller.


4. Transition Trainings


Die Weitergabe von Wissen ist das Herzstück von Transition, aber dieser Wissensfluss ist nicht ein einsinniger von "Experten" zu "zu Schulenden". Es ist sicherlich zu begrüßen dass es Transition Trainings gibt, aber sie sollten nicht die Vorbedingung sein um in und mit Transition aktiv zu werden.


Es ist vielmehr vorstellbar dass es einen Pluralismus der Angebote gibt und "hundert Schulen die miteinander wetteifern", soferne dies im einem Geist der wechselseitigen Wertschätzung und des Verständnisses für die positiven Wirkungen von Diversität geschieht, solange das Wissen sich auf einen experimentellen und an Nachprüfbarkeit orientierten Geist stützt.


Das eifersüchtige Hüten von Berechtigungen und Zertifikaten hat vielen Bewegungen nicht gutgetan, hat sie zu esoterischen Randlagen verurteilt, obwohl sie enorm wichtiges Wissen beinhalten, von Permakultur bis Feldenkrais.


Transition ist von Rob Hopkins als "Open Source" Bewegung deklariert worden, was bedeutet dass Wissen allen gehört und jeder eingeladen wird und grundsätzlich als befähigt gesehen wird, es zu verbessern und beizutragen. Wer Angebote macht, soll dafür auch Geld verlangen dürfen, aber es soll keine Monopole geben. Stattdessen wäre über ein Portfolio System nachzudenken, in das Reputation und praktische Resultate einfließen.


Mir persönlich ist es ein großes Anliegen, auch die neuen technischen Möglichkeiten der Online - Kommunikation - live und audiovisuell lernende Gemeinschaften zu vernetzen - in diese Strategie miteinzubeziehen, und ich bemühe mich, ein Pilotprojekt "lernender Regionen" in Gang zu bringen.


http://www.dorfwiki.org/wiki.cgi?VideoBridge/ProtokollLainsitztalAG...


Auf diese Arbeit, sowie auf die Weiterentwicklung der Mustersprache, möchte ich mich gerne zurückziehen und hoffe diese Online - Community bald einem Administratorenteam übergeben zu können.


mit sonnigen Herbstgrüßen

Franz Nahrada

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