Transition Austria

Machbare Schritte und profunde Innovationen für eine zukunftsfähige Lebensweise

Warum Besetzung? SoliLa und die vielen Schichten einer höchst notwendigen Aktionsform

Die Ereignisse rund um das für österreichische Verhältnisse innovative und vielversprechende Projekt "Solidarische Landwirtschaft" (SoliLa) in Jedlesdorf (Wien), haben sich gewissermaßen überschlagen. Eine komplexe Aktion wie die SoliLa hat viele Schichten. Sie sind oft nicht gleichermaßen allen Beteiligten oder denen, die sich involvieren, auf Anhieb zu vermitteln.

Die Besetzung ist vorerst geräumt worden - gewaltsam. Die BOKU setzte ihre private (Un)sicherheitsfirma Hel-Wacht ein, um die friedlichen Besetzer_innen auf die Straße zu zerren. Selbst eine Mitarbeiterin der BOKU wurde ungeachtet ihres bestehenden privateigentumskonformen Nutzungsrechts zu Boden geworfen und von (Un)sicherheitspersonal auf dem Rücken liegend aus dem Garten geschliffen.

Soweit so schlecht. Braches Ackerland, das trotz mehrfacher Versuche auf legalem Wege nicht weiter bewirtschaftet werden konnte, weil die BOKU sich schlichtweg taub stellte. Es soll also nach dem Willen der BOKU-Leitung weiter verbrachen und, das ist absehbar, der Immobilienspekulation zum Opfer fallen. Allein in Wien steht rund 30% des Wohnraums leer und es gibt laut Daten der Statistik Austria in Österreich mehr als 500.000 Zweitwohnsitze.

Mit ihrem nicht nur unverständigen und widersprüchlichen, sondern blank gewaltsamen Vorgehen treibt die BOKU, angeblich eine "Universität des Lebens" die Flächenversiegelung voran, die ihre eigenen Wissenschafter_innen kritisieren. Weiß hier die eine Hand, was der andere Kopf denkt? Jeder Hektar versiegelter Fläche bedeutet einen Hektar weniger Möglichkeiten, Menschen am Leben zu erhalten, ja, ein gutes Leben zu ermöglichen. Denn nach Peak Oil wird Ackerfläche zur wichtigsten Ressource. Das sollte wenigstens eine "Universität des Lebens" begriffen haben.

Hat sie aber nicht.

Und hier beginnen die Probleme, die sich in vielen Schichten in einer Initiative wie "SoliLa" verdichten.

Ist SoliLa nun "gescheitert", war sie gar ein "Fehler", wie Franz Nahrada meint?

Beginnen wir mit...

Schicht 1: Theoretischer und aktivistischer Hintergrund

Die Annahme, die SoliLa-Aktivist_innen könnten quasi Brasilien von Österreich nicht unterscheiden, was er ihnen unterstellt, ist wohl auf Unwissenheit zurückzuführen. Sind die bei SoliLa Aktiven doch seit vielen Jahren in dem vermutlich produktivsten gesellschaftskritischen Milieu Österreichs engagiert, das sich um AgrarAttac, Via Campesina, FoodCoops und diverse autonome Projekte gruppiert. Dieses Milieu hat etwas zustande gebracht: eine organische Integration von kritischen Bäuerinnen und Bauern, von Studierenden, freien Aktivist_innen, von Theoretikerinnen wie Praktikern, von NGOs, Vereinen und autonomer Szene. Von einer solchen inhaltlichen Breite sind viele andere Initiativen noch weit enfernt.

Das gilt es zu würdigen und zu unterstützen. Einer Besetzung sozusagen nach ihrer Räumung noch in den Rücken zu fallen ist dagegen kontraproduktiv.

Schicht 2: Der Anlass 17.April - das globale Ernährungssystem - und der Stop des Land Grabbing

Die Besetzung startete am 17. April. Dieses Datum ist nicht aus Willkür gewählt. Es handelt sich dabei vielmehr um den internationalen Tag des bäuerlichen Widerstands, den die globale Kleinbauernbewegung La Via Campesina, die auch in Österreich vertreten ist, ausgerufen hat, und zwar mit der Botschaft: Stop Land Grabbing! Am 17. April 1996 wurden Landlose in Brasilien ermordet, die sich für Land in den Händen der Bewirtschafter ausgesprochen hatten. Der 17.April ist einer der beiden großen Jahrestage von Via Campesina - der zweite am 10. September gedenkt dem politisch motivierten Freitod des koreanischen Bauernsprechers Lee Kyung Hae anlässlich der WTO-Konferenz in Cancún 2003. Seine letzten Worte waren: "WTO kills farmers".

Gröbliche Unwissenheit wäre freilich, diese Jahrestage mit dem Bild vermeintlich ferner Kämpfe im Süden abzutun, oder als eine, wie Franz Nahrada meint, "Revolutionsromantik" abzuqualifizieren. Es ist vielleicht nicht allgemein bekannt: Wie wir hier mit unseren Flächen umgehen, was wir hier konsumieren, das treibt Bäuerinnen und Bauern im globalen Süden buchstäblich in den Tod. Freihandelsabkommen der EU etwa zerstören massenhaft Existenzen. Sie sollen die Aneignung von Ressourcen aus dem globalen Süden ermöglichen: von Biomasse, von Nahrungsmitteln und Metallen, die wir hier zwar verbrauchen, aber nicht produzieren.

Es ist ein ebenso trauriges Faktum wie bei jenen, die sich mit diesen Themen auseinandersetzen wohl bekannt, dass "Bauernsterben" nicht nur sinnbildlich zu verstehen ist. Via Ermordung und Selbstmordwellen im Gefolge von Agrarmarktliberalisierungen im Süden nimmt dies eine ganz brutal konkrete Form an. Der Biotreibstoff, den die EU zwangsweise den KfZ beimischen lässt, wird zu einem großen Teil im Süden produziert. Dort vertreibt die hier vorherrschende Art von Mobilität die Bäuerinnen und Bauern von ihrem Land und stürzt sie in Elend und Hunger.

Ist darauf aktivistisch hinzuweisen, mit einem Statement der Körper und der Herzen, der Hände und der Köpfe etwa "Revolutionsromantik"? - Die Frage ist rhetorisch. Nein, es ist die Misere dieses Systems, die hier sichtbar wird.

Anders als ein politischer "Karneval", als den Franz Nahrada seine Erfahrungen aus den 1970er Jahren interpretiert - ob zurecht, sei hier dahingestellt - handelt es sich hier um eine Aktion, die auf diese ebenso schlichte wie harte Tatsache hinweist. Karnevalesk ist das beileibe nicht.

Das gilt es zu bedenken und zu beherzen, das heißt: es wirklich zu begreifen.

Schicht 3: die kapitalistische Vielfachkrise auf den Punkt bringen - Privateigentum an Land

Eine politische Aktion thematisiert üblicherweise einen einzigen kleinen Problempunkt. Zum Beispiel: Greenpeace besteigt einen Schornstein, um auf zu hohe Schadstoffemissionen hinzuweisen. Solche Aktionen sind sinnvoll, allerdings auch strukturell eng beschränkt. Das wirkt sich bei einem eingrenzbaren Thema wie zu hohen Schadstoffemissionen noch nicht negativ aus. Der Schornstein bekommt einen Filter und das war's.

Wie aber können wir die kapitalistische Vielfachkrise von Ernährung, Energie, Klima, Politik, Ökonomie und den sozialen Verhältnissen im Allgemeinen aktionistisch bearbeiten? Einfach viele themenspezifische Aktionen neben- oder hintereinander machen? Das ist wohl kaum angemessen, das Problem der Verknüpfung bleibt.

Nun verknüpfen sich die einzelnen Stränge der Vielfachkrise freilich in der Landfrage schon wie von selbst. Die Art, wie mit dem Land umgegangen wird, bildet, so kann man sagen, tatsächlich eine wesentliche Wurzel der heutigen Vielfachkrise. Das ist auch der Grund, warum Landkonflikte DAS Thema des beginnenden 21. Jahrhunderts schlechthin sind. Selbst das ist offenbar immer noch viel zu wenig bekannt, auch in "linken" oder an "Alternativen" interessierten Kreisen nicht:

Das Land Grabbing durch profitorientierte Konzerne im Süden, aber selbst in Europa, resultiert aus unserer kapitalistischen Produktions- und Lebensweise. Dabei geht es nicht nur um Land für Biomasse oder Nahrungsmittel, sondern etwa auch um Bergbau für Metalle, die schlussendlich zu einem erheblichen Teil in unsere Gebäude und andere Infrastrukturen wandern. Und es geht um Land Grabbing für Immobilien, die Profite bringen sollen.

Woher rührt diese Vielfachkrise?

Wenn man es ein wenig vereinfachen will: Sie rührt aus dem Privateigentum. Daher also, dass nicht "die Erde niemandem und ihre Früchte allen gehören", wie die Besetzer_innen der SoliLa auf ein Plakat geschrieben hatten.

Wie thematisiert man das Privateigentum? - Indem man es praktisch negiert. Nicht durch Sonntagsreden.

Wo beginnt man damit am Besten? - Dort, wo sich die Existenz des Privateigentums sichtbar in auf die Spitze getriebener Absurdität ausdrückt: in der Verbrachung und dem Leerstand von Ressourcen für Solidarische Lebensweisen, die nur aufgrund von Profit und Kontrollmacht nicht für ein gutes Leben genutzt werden können.

Viele andere Projekte wie "Sprungbrett Aspern" oder die derzeit vorherrschende Form von "Transition Town"-Initiativen machen kleine, doch wichtige Fortschritte. Nur behandeln sie andere Fragestellungen. "Sprungbrett Aspern" zeigt, wie man mit Stroh schöne Häuser bauen kann. Eine "Transition Town" in England zeigt, dass Menschen Peak Oil als eine Chance zum Besseren begreifen können. All das ist wichtig. Nur rührt es bislang nicht an die Tabuzone, die überhaupt erst schlechte, nicht-erneuerbare Architektur oder Peak Oil generiert.

Warum rühren diese Initiativen bislang in Summe nicht an die zentrale Tabuzone des Privateigentums?

Weil hier soziale Auseinandersetzungen beginnen, die konkreten Schmerzen also, die in einer Veränderung der auf Schmerz gebauten Gesellschaft wohl nicht vermieden werden können. Hier wird die Gewalt des Staates und seiner Einrichtungen sichtbar. Hier wird deutlich, was das Privateigentum und seine Fürsprecher und Bewacher alles unmöglich machen - und zwar systematisch.

Dies gilt es nicht rosarärbend wegzuwischen, sondern mit klarem Blick mutig offen zu legen.

Schicht 4: Produktionsverhältnisse praktisch ändern

Eine letzte Schicht in der Aktion ist die konkrete Fläche vor Ort. Der 17.April ruft zum bäuerlichen Widerstand auf, und zwar weltweit. Denn diese Welt ist eine, und vom Kapitalismus ganz konkret stofflich vernetzt. Es ist kein Hirngespinst wie die Mao-Bibel in der Hand von österreichischen Kaderlinken, sondern eine ökologische Tatsache, dass eine Fahrt mit dem Auto in Wien einen Beitrag zu Peak Oil, Klimawandel, Hunger im Süden und der Stabilisierung des Kapitalismus leistet.

Solange das nicht begriffen und vor allem praktisch verändert worden ist, wird es viele solcher Aktionen geben müssen. Und zwar nicht nur, weil das für einen wirklichen Bewusstseinswandel notwendig ist. Sondern auch, weil es darum geht, Produktionsverhältnisse hin zu einer Solidarischen Ökonomie grundlegend neu zu gestalten. Dabei geht es, jedenfalls aus meiner Sicht, nicht um eine "geduldete Nutzung", wie es im Kontrolljargon heißt. Es geht auch nicht um eine "temporäre" oder "Zwischennutzung" in einer netten Nische von drei Jahren. Es geht eben nicht um eine Nische in diesem System, sondern um Nischen, die dieses System überwinden.

Dies muss irgendwo beginnen. Erzeuger-Verbraucher-Initiativen sind ein Schritt dahin. Solange sie jedoch nicht die Verfügung über das Land, die Mittel es zu bewirtschaften und die Produkte, die damit erzeugt werden, nicht vom Geld, das heißt vom Privateigentum entkoppeln, werden sie keine Alternative bilden können.

Denn dafür ist eben eine kräftige Verschiebung der Eigentumsverhältnisse notwendig, die einen wachsenden Sektor kollektiver, solidarischer und egalitärer Produktionsweisen, auch in der Landwirtschaft, praktisch möglich macht.

Schluss

Zwei gute Projekte wie Sprungbrett Aspern und SoliLa gegeneinander auszuspielen ist weder solidarisch noch inhaltlich sinnvoll. Festzuhalten aber ist: Sprungbrett Aspern floriert nicht aufgrund "geschickter Allianzen" sondern auf der eher banalen Basis, dass ein TU-Professor über eine temporäre Nutzungsgenehmigung verfügt und mangels interessierter Studierender seine Fläche dem "Sprungbrett" überlassen hat. Eine schöne Gelegenheit, fürwahr. Aber doch kein Anlass, dies zur neuen Strategie der Überwindung des Kapitalismus hochzustilisieren.

Historisch ist zu zeigen: soziale Veränderungen zum Besseren sind niemals durch Anpassung, sondern immer nur durch Widerständigkeit entstanden. Der fatalste Mechanismus diese Veränderungen zu blockieren oder zur Stabilisierung des Systems einzuhegen ist dabei, die Widerständigkeiten anzupassen.

Das zumindest sollten uns 30 Jahre Neoliberalismus gelehrt haben.

Für diejenigen, die ihn überlebt haben: unter großen Schmerzen.

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Kommentar

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Kommentar von Kleinschuster Ilse am 2. Mai 2012 um 5:21pm

Hallo Franziskus, ich finde deinen Aufruf zum "wir", auf das wir aufbauen sollten, gut -  ich hab' als kleines Rädchen in der 'Initiative Zivilgesellschaft' auch meine Probleme damit.  Als ich erst kürzlich von eurer 'Landbesetzung' hörte und dann gleich darauf von der Niederschlagung war ich tief bestürzt. Hängt nicht die Umsetzung von solch schönen Plänen (wie sie ja jetzt im Sinne des "green economy"-Konzepts als gesamtstädtischer Ansatz im Trend liegen müssten) am Ende immer von politischen Stimmungen und Wahlausgängen ab!?! In Berlin gibt es bereits seit 2010 die Strategie "Stadtlandschaft 2050"  - nicht nur für die Entwicklung innerstädtischer urbaner Landwirtschaft .-Sollte man mit den GRÜNEN  darüber nicht mal ein ernstes Gespräch führen? Die Vasilakou ist ja diesbezüglich sehr ambitioniert.  Ich könnte mir vorstellen, dass sie für  'reale Utopien' bzw. für 'utopischen Pragmatismus' empfänglich ist  - zumindest erweckte sie diesen Eindruck als ich sie kürzlich zur urbanen Mobilität der Zukunft sprechen hörte.

Kommentar von Franziskus Forster am 2. Mai 2012 um 12:40pm

liebe alle,

ich möchte gerne als einer der "besetzer" und hier in meinem namen das wort ergreifen. die besetzung war kein "ufo", das kurz mal in jedlersdorf gelandet ist, nun wieder weg ist und nichts als verbrannte (in diesem fall plattgewalzte, gefräste) erde hinterlässt.

ich möchte den willen bekräftigen, dass wir daran arbeiten neu "zusammenzukommen". daran sollten wir nun arbeiten. die zeit ist reif.

aus sicht des boku-rektorats wäre es das beste, wenn wir nun das werk der zerstörung und gewalt nun selbst zu ende führen und uns spalten, gegeneinander ausspielen lassen und das verbleibende auch noch zerstören. es gehört zum kalkül der gewalt, dass sie auch nach der zerstörerischen räumung weiterhin wirkt. doch möchte ich davor warnen, dass wir uns nun für das boku-rektorat einspannen lassen. die arroganz der macht wird auch in den klagen sichtbar, die nun eingereicht wurden. doch zwingt uns keiner, dass wir das hinnehmen.

ich möchte nicht unterstellen, dass dies (weder die spaltung, noch die bloße hinnahme) gerade passiert. doch ist auch diese gefahr gegeben. es gibt möglichkeiten, wie wir auch anders mit dem schmerz und mit der wut umgehen können und zugleich dafür gemeinsam eintreten, dass es nicht dabei bleibt. es gibt viele, sehr viele menschen, initiativen und organisationen, die sich hierfür gewinnen lassen würden, da bin ich mir sicher.

die arbeit der letzten jahre verdient größte anerkennung und wertschätzung. diese arbeit war nicht umsonst. das werden wir zeigen.

das bleibende sind die ideen und projekte, sowie die vielen menschen, die in den letzten jahren wichtige aufbauarbeit geleistet haben, ebenso bleiben die vielen menschen, die gerade begonnen haben, sich für diese sache einzusetzen. es bleiben auch die beziehungen zwischen den menschen. da ist in diesem frühling etwas aufgeblüht, was nicht plattgewalzt werden konnte. während der besetzung ist sowas wie eine "konkrete utopie" entstanden und sichtbar geworden. viele sind bereit, sich dafür nun einzusetzen. das ist essentiell.
diese ideen, projekte und visionen sind in wien gerade dabei, breite wurzeln zu schlagen. das wird auch nicht mehr so einfach zu stoppen sein. aber eben nur dann, wenn wir es schaffen, nun neue "geschickte allianzen" aufzubauen und den boden für das neue zu bereiten.

die endgültigen maßverhältnisse für die bisherigen entwicklungen können wir denke ich am besten in direkter und offener diskussion bestimmen. doch ist die zeit noch nicht gekommen, um einen schlussstrich zu ziehen. wir haben gerade erst begonnen. was dieses "wir" bedeutet, steht aktuell auch zur diskussion. an diesem wir sollten wir auch bauen.

ich hoffe, dass wir gemeinsam einen raum schaffen können, wo wir gemeinsam neues - oder besser: das neue im alten und das alte im neuen - weiter gestalten können.

solidarität ist nie einfach, kommt nie von selbst, ist immer widersprüchlich. doch können wir auf den ereignissen aufbauen: wir haben uns mit dem gsg während der räumung aktiv solidarisiert, um die zerstörung abzuwenden. ich denke, dass wir aktuell genau darauf aufbauen und daran anknüpfen können und solidarisch daran arbeiten, dass es nicht bei der zerstörung bleibt. vieles von dem, was über das gsg und von solila aufgebaut wurde, ist eben grade nicht zerstört (auch das meine ich nicht zynisch). mir gibt das hoffnung. es ist eine entscheidung von uns allen, wie wir weitertun. den blick darauf zu richten, wäre dringend an der zeit.

ich bin sehr zuversichtlich, weil die geschichte tatsächlich gerade erst begonnen hat.

wütend, solidarisch und hoffnungsvoll,
franziskus

Kommentar von Andreas Exner am 1. Mai 2012 um 1:40pm

Zur Aufklärung ob Commons nun mit Privateigentum verträglich sind?

Um es nochmal zu sagen: ich finde es kontraproduktiv, einzelne Projekte oder gar Personen gegeneinander auszuspielen wie "Sprungbrett Aspern", "Großstadtgemüse" oder Eva Vesovnik.

Kommentar von Franz Nahrada am 1. Mai 2012 um 11:54am

Ich hänge als Antwort einen Brief von Eva Vesovnik an. Der wird vielelicht zur Aufklärung beitragen!

 

Sehr geehrte Redaktionen und Blog-Schreiber,

 

Nach der Gartenzerstörung – körperlich und seelisch verletzt und zutiefst verstört

Las ich heute erstmals Berichte über Be- und Entsetzung im Versuchsgarten der BOKU in Jedlersdorf und erlebe die bisherige Berichterstattung als einseitig und unvollständig. Daher möchte ich einige Fakten nachtragen.

 

Ich arbeite sieben Jahre im Rahmen von Lehraufträgen an der BOKU

an Themen zur StadtLandwirtschaft, CSA, Cityfarms, Gemeinsam Gärtnern uÄ–
„Soziale und ökologische Aspekte städtischen Gartenbaus“, so auch der Titel des
Forschungsauftrages in dessen Rahmen seit 2010 das Projekt „GrossSTadtGemüse“

lief –und das jetzt brutalst niedergewalzt wurde.

Kaum etwas im Forderungskatalog der LandbesetzerInnen, das wir nicht schon zu verwirklichen begonnen haben:

  • gemeinschaftliche ökologische (die ersten!!! Flächen der BOKU in Zertifizierung)
  • Gemüseproduktion von Jung&Alt, StudentInnen, AnrainerInnen, Freunden
  •  Selbst&Nachbarschafts-Versorgung: des TÜWI der Boku, Kistl- Lieferung,
  • Selbst- Abholung mit gemüsekundlichen Führungen
  • - die Karotte als Transportmedium für Themen „Nachhaltigen Lebensstils“ in der
  • Stadt, von den kurzen Versorgungswegen, Gesundheit, über Saatguterhalt,
  • Lebenspatente, neue Ökonomien bis zur Resilienz durch Gemeinschaftlichkeit

- Weit gefächerte Interkulturalität brachte die“ Welt“ in unsere Nachbarschaftsfeste


- alles klein& fein, da – obwohl Teil des Forschungsprojektes, von der BOKU nicht
offiziell gebilligt. Genauso die
- Schulen, die seit 2010 in eigenen Bereichen und mit uns mitarbeiteten – Learning
by Buddling – auch für Erwachsene gab es eine
- basics of Gardening-workshopreihe
- Bienen gehörten zum Vielfaltsgarten –schon im ersten Jahr ca 250 Gemüse-
sorten, dazu nochmals so viele Kräuter, Wildgemüse, BioBeerenssträucher..
viele Raritäten –und alles bald in wuchernder Üppigkeit und bunter Fülle;
das alles gemanagt mit großteils Gartenneulingen, gänzlich ohne BOKU-Geld.

 

Zu allertiefst überzeugt von der Wichtigkeit und Zukunft des LehrLernErlebnis-Forschungs&PraxisGartens, des „Urban Gardens“ Projektes floß sehr viel aus meiner eigenen Tasche. Anerkennung gab es genug, Präsentationen, sogar Preise!

 

Nur die BOKU schwieg die Urban Gardens tot. Die Vorbereitungen, Teilprojekte
wurden nicht einmal in die Arbeitsberichte des Instituts aufgenommen (IGOW).

 

Seit mehreren Jahren zeichnete sich die Rückgabe des Gartenbaugeländes an die BIG ab. An einer BOKU-Interne Neupositionierung des VG mit StadtLandWirtschaftlichen Themen war kein Interesse. Ende 2010 war das „Aus“ nach Jahren der intern demoralisierenden Gerüchteküche offiziell. Anfang 2011 fragte ich –ganz loyale Mit-arbeiterin- im Rektorat an, ob man mit Verhandlungen unsererseits für eine Nachpacht in kooperativer Nachbarschaftsbeziehung zum bestehen bleibenden BOKU-Obstbau einverstanden wäre und was wir als Ablöse für bestehende (allerdings veraltete, jetzt „nachhaltig“ vernichtete!!) Infrastruktur zu zahlen hätten.

 

Einverständnis und gute Wünsche kamen sofort, Zahlen trotz unzähliger Nachfragen nie.

 

Anders die BIG: mit nach Boku-Rückgabe noch genau zu vereinbarenden Konditionen wurden uns als definitiv „erste Ansprechpartner“ genannten temporäre Pacht bis Baufreimachung und

ein finanzieller Rahmen genannt und ausdrücklich betont, dass es keine Aufforderung an die BOKU gäbe, das Gelände geräumt zu übergeben – dh wir die gesamte (jetzt vernichtete) Infrastruktur ihrerseits weiter verwenden könnten. Die Nutzung bis Rückgabe könne –klar- nur mit der BOKU verhandelt werden. Diese verweigerte allerdings seit Sommer, als das IGOW, der Gelände-Nutzer, seine Agenden absiedelte und damit nur mehr das Rektorat für die Flächen zuständig war, jegliche Anfragenbeantwortung.

 

Nach einer ersten „Okkupation“ im Herbst – von der wir uns auf das schärfste distanzierten, weil wir die SoLiLa-Gruppe seit bald einem Jahr zum gemeinsamen Arbeiten eingeladen hatten – verloren wir Zutritt (Vorhängschlösser) und die gesamte Ernte.

 

Keines meiner vielen Schreiben an die zuständige Vizerektorin

Reithmayer, nicht einmal das Ansuchen meiner Chefin!! um Zutritt wurde je beantwortet.

 

Wundert es da, dass MitarbeiterInnen der BOKU –die laut viel zitiertem Statement eben jener Vizerektorin Reithmayer keinen gesellschaftspolitischen Bildungsauftrag hat -

Off records zugeben, dass sie die Räumung für einen Wahnsinn halten, sich aber offiziell nichts zu sagen getrauen.

Dass STudentInnen für eine Recherche zum neuen Leitbild der agrarwissenschaftlichen Forschung CAS ausschließlich zu Interviews mit Wissenschaftlern und Wirtschaftstreibenden geschickt werden um Erwartungen an die BOKU zu erfragen. EU-Kommissäre, Minister, unzählige höchstrangige Interessens-vertreter – gesellschaftlich Relevante AbsolventInnen eben –waren nicht zu befragen.

Immer noch loyal, obwohl nun meines Lehrauftrages verlustig, riet ich-inhaltlich mit den „BesetzerInnen“ solidarisch- auch jetzt im April noch von der „Landbesetzung“ ab und
z u einem weiteren Versuchen des Verhandlungsweges- wenn auch mit schwindendem Glauben daran –die BOKU betreffend. (s.atts) Aber die hätte die Flächen ja eigentlich schon Ende 2011 zurückgeben wollen.


Jetzt „Eigenbedarf“ zu behaupten ist wenig glaubhaft; Versuche müssen ein halbes Jahr in den Departmentsprogrammen angemeldet und genehmigt sein – da ist nichts bekannt. Ganz im Gegenteil: in der letzten Dptkonferenz behauptete der Leiter der Zerstörungsarbeiten, Dr.Wagentristl, dass die Flächen bereits zurückgegeben worden seien !!! Und nach Demolierung der Bewässerungsanlage im Mai etwas anzubauen –mußwohl ein Wüstenkorn-Versuch werden.

Aber „Wüste“ trifft ohnehin den Jetztzustand des noch vor kurzen so wuchernden

Flecken Erde – auf dem soo viel schon erreicht war – und sooo viel noch hätte möglich werden können.

Mit unvorstellbarer Brutalität wurde von uns Aufgebautes, Gemeinschafts-, Privat- eigentum aber auch Eigentum der Republik vernichtet. Unsere selbsteingerichtete Infrastruktur: ein Container mit wirklich überkompletter Werkzeug- und Gartenbedarf-Ausstattung (Ich hatte aus der Konkursmasse eines Gartenbaubetriebes 2 LKW-Ladungen voll, privat, eingekauft.) 3 Verkaufsstände, 4 Gartenpavillons, ein Bauwagen, der als Büro und Lager wertvollster Saatgutschätze diente, die mühsam selbst gebastelte Bewässerungsanlage – genauso vernichtet wie die des Institutes, deren Folientunnel!!

Vielleicht noch schlimmer – all das Leben, die üppige Vielfalt in den Beeten!

Ein Weidentunnel, ein Tipi, von SchülerInnen gebaut, zahlreiche Pflanzen in riesigen Containern als Garten in der Senkrechten, dutzende wertvolle Bio-Beerensträucher,

ein wunderbares Wildobst-Sortiment –grade in Blüte! Tausende Kräuter und Stauden,

vieles davon Raritäten und durch meine sonstige gartenbauliche Tätigkeit eingeflossen.

Allein die 150 Eremurus, 20 Riesenyucca,150 Phloxe, an die 2000 Nektaroscordium als Bienenfutter – ein Vermögen. (Wenn auch: „Die Bienen braucht da keiner“ –so der leitende Zerstörer zu mir vor versammelten Studierenden als ich mich um deren Schutz bemühte) Selbst die Gartenbau-MitarbeiterInnen hatten die Pracht bewundert.

Es gab keinen Räumungsbefehl! An uns keine Aufforderung, das Gelände zu räumen.

Jeder der das Projekt kannte wusste dass Abgraben Wochen brauchen würde – wozu, wenn wir nachpachten. Alles voll transparent vor der BOKU abgehandelt. Auch meine BIG-Verhandlungen und Briefe kommunizierte ich dem Rektorat. Seit Herbst haben wir keinen Zutritt. Eine Räumung wäre also auch gar nicht möglich gewesen.

Aber: alle konnten eh alles retten, es gab keine Gewalt….So eine Aussendung des Rektorats!!!!

An ALLE Boku-Studierenden&Beschäftigten!!!!! Unfaßbar !

Details, Unterlagen, Briefe -gerne

Mit freundlichen Grüßen

Eva Vesovnik

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soweit mal. jetzt gehe ich schnuppern was vom ersten Mai übriggeblieben ist!

Kommentar von Andreas Exner am 1. Mai 2012 um 11:44am

Commons sind das Gegenteil des Privateigentums und das impliziert einen fundamentalen Konflikt. Es tut mir leid, ich kann Deine Sicht nicht nachvollziehen.

Die "schon vor Ort vorhandenen Commons-Praktiken" waren (1) nicht negativ von SoliLa betroffen.

Ich hoffe doch, dass Du nicht die SoliLa-Leute für die Übergriffe der Securities und das Handeln des Rektorats verantwortlich machen willst. Das ist nämlich ein Totschlagargument, das jeden Widerstand unmöglich machen würde.

Das Zeitliche dieser "schon vor Ort vorhandenen Commons-Praktiken" war (2) ohnehin gesegnet.

Es stand schon zu vermuten, dass die von den Securities vorrangig bewachten Gentechnik-Häuser der eigentliche Grund des Rektorats-Handelns war. So ergibt die Sache einen Sinn (warum Security, wenn Polizei auf Anweisung das gleiche getan hätte; warum so rasch, wo doch der Vertrag angeblich ohnehin im Sommer ausgelaufen wäre; warum überhaupt, wenn die BIG doch angeblich gar kein Interesse an einer Räumung hatte; warum taube Ohren für Vesovnik, die den Amtsweg penibel einhielt usw. usf.):

http://17april.blogsport.eu/2012/05/01/presseaussendung-obvvia-camp...

Ich fände es sinnvoll, sich mit den Realitäten der kapitalistischen Gesellschaft auseinanderzusetzen anstatt Keimform-Träume zu träumen. So kann ich keinen Beitrag für eine Commons-Perspektive erkennen, der über das hinausgeht, was viele in der Debatte ohnehin wollen: eine Ergänzung zum Kapitalismus.

Kommentar von Franz Nahrada am 1. Mai 2012 um 9:12am

Für die Auseinandersetzung mit der BOKU empfiehlt sich deren Denkwelt kennenzulernen:

Wissensbilanz 2006

Kommentar von Franz Nahrada am 1. Mai 2012 um 9:07am

Natürlich ist der positive Aspekt dass das Thema in die Öffentlichkeit gedrungen ist. Andreas, ich habe den Aufruf gekannt und im Vorfeld zu vermitteln versucht, Dein Vorwurf geht ins Leere und hört sich für mich nach reiner Polemik an. Wenn man sich auf Comons beruft, dann eben auch unter dem Gesichtspunkt dass man nicht alleine auf der Welt ist - es waren schon Commons - Praktiken am Ort vorhanden und auch eine Gruppe, die echtes Commoning betrieb. Die wurde zunächst overridden, und ich ahnte das Resultat im vorhinein. Dass es als Lehrbeispiel dokumentiert und demonstriert wurde und wird, ist zwar ein positiver Aspekt  Aber dass das was in Jahren mit Mühe und Herzblut und fast ohne materielle Mittel aufgebaut wurde nun zershreddert ist macht mich jedenfalls taurig. "Jede Wahrheit stirbt, wenn sie nicht von Mitgefühl getragen ist".  Punkt.

Kommentar von Andreas Exner am 30. April 2012 um 9:30pm

Hallo Franz

Du hast offenbar nicht den Aufruf zur Besetzung gelesen. Die Ziele sind hier formuliert:

http://17april.blogsport.eu/2012/03/22/land-denen-die-es-bewirtscha...

Das Resultat ist alles andere als niederschmetternd. Das öffentliche Echo ist für das Thema Landnutzung unvergleichlich groß und positiv bis vorsichtig sympathisierend.

Niederschmetternd ist lediglich das Vorgehen des BOKU-Rektorats.

Die Besetzung ist nicht unvermittelt, sondern Teil der Aktionen zum 17. April und langjähriger Praxen von "Reclaim the field" - wenn es für Dich unvermittelt daherkommt, so deshalb, weil Du Dich mit derlei Themen noch nicht auseinandergesetzt hast, denke ich.

Deine Anm. zu "Schicht 1" gehen ins Leere, weil das Ziel nicht eine "Debatte mit der BIG" war - siehe Aufruf zur Aktion.

In "Schicht 2" sehe ich keine "Vermischung von Handlungsfeldern" - mir scheint, Du bist stark an der Nationalstaats-Illusion befangen, was die Debatte hier angeht. Gerade ökologisch ist das wirklich nicht up to date. Es geht gerade um eine Annäherung von Handlungsfeldern. Via Campesina selbst ist das beste Beispiel dafür - die Schlagkraft dieser Organisation rührt aus dem Bündnis von Bauern im Norden und im Süden.

Zu "Schicht 3": Wie man demonstrieren können soll, dass Commons "funktionieren" ohne das Privateigentum anzugreifen, ist mir ein Rätsel.

Zu "Schicht 4": eine Keimform der Commons muss dem Privateigentum notwendig entgegenstehen. Alles andere wäre mir ein Rätsel, nicht zuletzt weil praktische Belege des Gegenteils bislang ausbleiben (die Software-Szene, die sich über solch irdische Konflikte erhaben fühlte, beginnt gerade deren Realität zu erfahren).

Die Theorie der Innovation stellt ganz richtig heraus, dass neben Konvergenz der Perspektiven, Networking und Lernen der Konflikt das wesentliche Merkmal aller Nischen der Neuerung ist.

Alles andere ist nicht nur in der akademischen Debatte nicht mehr aktuell, sondern auch in der praktischen Auseinandersetzung realitätsfern.

Kommentar von Franz Nahrada am 27. April 2012 um 3:02pm

Hallo Andreas, eine erste Stellungnahme dazu:

* ich bin mit den SoLiLa AktivistInnen in Kontakt und bestreite ihnen nicht ihre Kompetenz, wir haben über verschiedene Personen und Projekte auch immer wieder mal punktuelle Kontakte. Gerade jetzt hat sich die Diskussion intensiviert und die Ereignisse haben auch gezeigt worauf ich rauswollte:

* Die Besetzung war unvermittelt, out of the Blue und in sich widersprüchlich. Mag sein, dass einige so wie Du damit wirlich eine primär politische Demonstration im Auge hatten, öfentlich wurde argumentiert dass es um die Nutzung dieses Landes im Sinn Stadtlandwirtschaft ginge. Der Aufruf zur Besetzung argumentierte in diesem Sinn, im Sinn einer Zweck - Mittel Rationalität. Das Resultat ist niederschmetternd und bestätigt nur die Befürchtungen die ich vor der Besetzung geäußert habe.

* Nun gut, die Milch ist verschüttet, die Felder sind geshreddert und die Aussperrung ist komplett. Die BOKU wird sich die Folgen selber zuzuschreiben haben, diese Aktion hat wohl das Klima auf dieser Uni einigermaßen verändert .Der Umgang mit der Angestellten Eva Vesovnik, die ihren Auftrag in pädagogischer und forscherischer Hinsicht wirklich ernst genommen hat, ist eine Schande und glücklicherweise ist das medial sichtbar geworden.

  1. * zu Schicht 1: Eine Kritik an einer Aktion kann und muss geäußert werden können, auch wenn es eine freundachftliche und konstruktive Beziehung zum Anliegen generell gibt. Hier ist die Hauptkritik dass sich die Bewegung nicht mit den AkteurInnen die die Fläche als ganze von der BIG zu pachten versuchten ins Einvernehmen gesetzt hat, sondern ein klassisches overriding betrieben und alle Warnungen von Eva Vesovnik in den Wind geschlagen hat. Man kann geteilter Meinung sein ob das was geändert hätte, manche behaupten jetzt die Bagger und Motorsägen seien schon längst geordert gewesen. Wir werden es wohl nie erfahren.
  2. * zu Schicht 2: wir sind hier nicht im globalen Süden, sondern mitten im System Sozialdemokratie, Rechtsstaat, Raumplanung, das sich seine Massenloyalität ja unter anderem dadurch beschafft dass es Willkürakte zurückzudrängen behauptet und propagandistisch sich noch immer die Versorgung der Bevölkerung auf die Fahnen schreibt. Dieses System ist wesentlich schwieriger zu durchschauen und zu kritisieren als die unmittelbar existentielle Frontstellung im globalen Süden, in der ein Großteil der Bevölkerung gar nicht in die wirtschaftliche Funktionslogik einbezogen ist und daher "subsistent" rumlebt (keine Herabwürdigung), und im (leider exponentiell zunehmenden) Ernstfall schlichtweg stört. Das Wegräumen der Indigenos für dieses Kraftwerk oder jene Mine oder neuerdings vor allem für Plantagen und/oder Naturschutzgebiete ist eine Sache, und den Akteuren steht - ohne dass ich es als Erfolgsrezept preisen will - tatsächlich oft nur mehr der Gang zur direkten Aktion offen, mit all ihren Verwicklungen und Widersprüchen. Es ist eine alte Binsenweisheit aus besseren Tagen, dass der Erfolg oder Nichterfolg dieser Kämpfe tatsächlich in den Metropolen des Systems entschieden wird, das immer weniger Imperialismus nennen wollen, während es sich immer deutlicher als Imperium zu erkennen gibt. Wie der Kampf in den Metropolen geführt wird, darüber ließe sich gut streiten. Das wär ein politisches Thema das wir einmal austragen können. Jedenfalls ist die Vermischung oder Verwechslung der Handlungsfelder ein gravierender Fehler, der sich über das, was die Linken immer das "Kräfteverhältnis" getauft haben, gründlich täuscht. 
  3. Schicht 3: Dass die Bundesimmobiliengesellschaft oder die Stadt Wien, die das Land einer ökonomischen Verwertung zuführen wollen, "das Privateigentum" reflektieren, verharmlost die Sache noch ein ganz klein wenig und stimmt so gerade nicht. Umgekehrt: das sogenannte Öffentliche, das sich das Privateigentum und seine Gesetze zunutze zu machen glaubt, ist selbst zum repressiven System geworden indem es die Eigenmacht der Menschen, ihre Gemeinschaftswerke, ihre Gemeingüter zunehmend den "Sachgesetzlichkeiten des Marktes" geopfert hat. Diese zusätzliche Verkehrung ist der Witz, aber auch die Schwierigkeit der gegenwärtigen Situation. Du meinst, Bewegungen wie Transition rühren nicht an der Tabuzone des Privateigentums? Vielleicht geht es heute gerade darum, der ganzen Gesellschaft sichtbar und nachhaltig zu demonstrieren dass Commons funktionieren können und dass gemeinsame Aktion und eine kooperative Ökonomie tatsächlich in der Lage sind, jenen tatsächlichen  Reichtum und nachhaltigen Wohlstand zu schaffen den die Konkurrenzgesellschaft nicht nur nicht mehr produziert, sondern in vielerlei Hinsicht so drastisch vermindert wie noch nie ein Gesellschaftsystem zuvor in der Geschichte, sodaß unser aller Existenzgrundlagen damit tatsächlich bedroht sind.
  4. Für Schicht 4 empfehle ich einen Blick in die Geschichte. Die tatsächliche und nachhaltige Veränderung der Produktionsverhältnisse, des Techniksystems bis rauf in die luftigen Ebenen der Werte und der Kultur, sie erfolgt eben nur dann wenn sich auf vielen Ebenen gleichzeitig etwas tut, und wenn Akteure des alten Systems das Neue als tatsächlich lebensfähig und überlegen erkennen. Genau so hat sich der Kapitalismus entwickelt, durch das "Überlaufen" einer ganzen radikalen Minderheit von Feudalherren zum Merkantilsystem, durch das sie wie ihnen Adam Smith im "Reichtum der Nationen" vorgeführt hat, sie ihre Armeen nicht nur bezahlen sondern sogar noch aufstocken konnten, ebenso wie ihre Paläste. Das Resultat ist bekannt. Heute geht es in die Gegenrichtung, aber auf einer Spirale aufwärts: Von der Zentralisierung wieder in die Dezentralisierung, in die leichte und grüne Kleinstadt des 21. Jahrhunderts, in der die Menschen massenhaft aus der Lohnarbeit "übergelaufen" sind in eine Wirtschaft der kollektiven Selbstversorgung. Wir werden diese Entwicklung nicht kriegen ohne eine wirkliche Entfaltung von Keimformen, sinnlich erfahrbaren Beweisen des Neuen. Wir werden diese Entwicklung nicht kriegen ohne Bündnisse, ohne Mobilisierung gewaltiger Ressourcen in Forschung, Entwicklung und Produktion. Diese Ressourcen können wir zum Teil mobilisieren indem wir uns der modernen Mittel der Kommunikation und Automatisierung bedienen und sie mit dem alten Fundus an Weisheiten des Haushaltes mit der Natur synthetisieren. Solche Wissens- und Könnenszentren zu errichten muss unser primäres Ziel sein. Sie bedürfen zu ihrem Funktionieren vor allem der relativen Gewissheit, in Ruhe gelassen und geschützt zu sein. Das lautstarke Anklagen, die Inszenierung von moralischer Empörung ist nicht ihre Sache. Eher schon das Testen, Konstruieren und Verbessern in Hinsicht auf eine völlig neue Funktionslogik, in der die Elemente des heutigen Systems wie Geld und Industrie zuletzt eine eher marginale Rolle spielen werden. Damit sollen wir beginnen!

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